Zwei Herzen (II)

von Roald Ristvedt

Das Herz aus der großen Stadt besuchte das der kleinen. Das Herz der kleinen Stadt kam in die Heimat des anderen. Nur wenige Tage lagen zwischen diesen beiden Reisen. Fragen wurden gestellt, beantwortet und ganz neue tauchten auf. Man war fröhlich und verwirrt, glücklich und ärgerlich, ausgelassen und verängstigt. Hoffnung und Sorgen gingen Seite an Seite. All das in nur wenigen Stunden. Eine Achterbahnfahrt im Stehen, ein Klettern ohne sicherndes Seil. Herzschlag im Gleichklang und doch so verschieden. Aber sie waren beieinander. Als die Sonne schien und der Vollmond die Nacht erleuchtete. Alles ist einfach. Alles ist schwer. Die Herzen wollen sich wiedersehen. Vielleicht schon bald. Wenn der Mai beginnt, treffen sich auf einem Berg der großen Stadt die Liebenden. Sie küssen sich im Schatten des Dichters und rezitieren seine Worte. Vielleicht sind in diesem Jahr zwei neue Herzen dabei. Wenn sie es wirklich wollen.

Zwei Herzen

von Roald Ristvedt

Irgendwo in der großen Stadt schlägt ein Herz. Ein Herz voller Liebe für ein kleineres Herz. Und dennoch schlägt es nicht frei und schwerelos. Es ist geschützt. Von einer Panzerung, die undurchdringbar scheint. Die Wunden verdeckt, die andere Herzen einst schlugen. Unter diesem Schild soll es heilen. Bis ein Ritter kommt, der mächtig genug ist, diesen Panzer zu durchdringen. Nicht mit Gewalt. Nicht mit der Kraft seines Schwertes. Nur eine magische Kraft wird Stein, Eis und Mauern verschwinden lassen können. Wenn die Zeit dafür reif ist. Wenn das Herz es will.

Irgendwo in der kleinen Stadt schlägt ein Herz. Ein Herz voller Liebe für kleinere Herzen. Und dennoch bereit, von dieser Liebe abzugeben. Sie teilen und wachsen zu lassen. Sie jemandem zu geben, der bereit ist, sie zu empfangen. Mit Geduld. Mit Rücksicht. Ohne Zwang und ohne Hast. Weil irgendwo da draußen ein anderes Herz schlägt. Das nicht frei ist. Das Zeit braucht. Ein Herz, das nicht weiß, was es will und wohin sein Weg führen soll.

In zwei Städten schlagen zwei Herzen. Die sich nie begegneten und deren Takt in zwei Sprachen spricht. Und die dennoch über viele Kilometer hinweg miteinander kommunizieren können. Weil es in dieser Welt eine Kraft gibt, die Distanzen überbrückt, Grenzen überwindet und die keine Armee aufhalten kann, möge sie auch Millionen von Soldaten umfassen. Wir alle tragen sie in uns. Sie ist nicht sichtbar und manchmal ist sie in einen tiefen Schlaf gefallen. Aber sie verschwindet nie. Denn sie hält uns am Leben.

Knockdown

von Roald Ristvedt

Wenn das Leben einem Kampfkunstfilm gleicht, in dem man lernt, übt, kämpft, siegt oder verliert – dann gleichen diese Tage einem Trainingsraum mit in verschiedene Richtungen schwingenden Sandsäcken. Durchquere ihn, komm heil auf der anderen Seite an, aber lass dich nicht treffen. Vorsichtig tastet man sich vorwärts, weicht aus, springt beiseite. Bis der dumpfe Schlag in den Rücken kommt. Alles dreht sich. Ich falle. Und alle Säcke lösen sich…

Wind of Change

von Roald Ristvedt

Omnia mutantur, nihil interit. Alle Dinge verändern sich, es gibt nichts in der ganzen Welt, das Bestand hat. Ovid, meine antike Dichterseele. Nicht nur die Dinge sind es. Auch wir. Unsere Gedanken, unsere Gefühle. Und unsere Gesichter. Meine letzten Tage haben mir das wieder verdeutlicht. Die Sandkastenliebe, später das schönste Mädchen der Schule. Immer unerreichbar, nie mehr als im Stillen angebetetes Ideal. Das letzte Wiedersehen mehr als zwei Jahrzehnte her. Lachen, erzählen, „Weißt du noch…?“ Und sie immer noch so schön. Jetzt ein Foto. Ich sehe eine Frau mittleren Alters. Sie trägt dessen Spuren wie ich selbst. Und doch ist alles anders. Sie hat sich verwandelt. Alles an ihr ist unscheinbar. Ich würde auf der Straße an ihr vorbeigehen, ohne sie zu erkennen. Und es beschämt mich ein wenig.

Ohne Schwarz kein Weiß, ohne Nacht kein Tag, ohne Yin kein Yang. Nur kurz darauf wird mir ein weiteres Foto zugespielt. Die darauf abgebildete Person darauf habe ich vor knapp drei Jahrzehnten auf dem Arm gehabt. Ein Baby. Klein, rund, liebenswert. Der Inbegriff des Beschützenswerten. Aber was ich nun sehe ist…atemberaubend. Omnia mutantur, nihil interit.

Erinnerung (X) – 1 + 1 +1

von Roald Ristvedt



Draußen ist Schnee gefallen. Die Bäume auf den Berghängen tragen eine weiße Krone. Februarfrost. Und doch ist mir warm. Ich sehe sie vor mir den Raum verlassen. Nackt. Kichernd. Hand in Hand. Ich sinke in die Kissen zurück und starre zur Decke. Ich lächle schief. Was war das? Ein Traum? Nein. Dazu fühlte es sich zu real an. Zu intensiv. Hände, Lippen, Augen, die sich einander hingegeben haben. One world is not enough. Erst als zwei Köpfe erschöpft auf meiner Brust liegen, begreife ich in etwa, was hier geschieht. Wie es mich wahnsinnig gemacht hat, als sie sich küssten, mich dabei stets im Blick behaltend. Dieses aufreizende Spiel mit den Fantasien eines Mannes. Diese sich einander hingebenden Körper, die mich fast zur Raserei treiben. Bis sie mich zu sich bitten. Und der Wahnsinn erst recht beginnt.

Ich habe es mir mittlerweile im Wohnzimmer bequem gemacht. Höre sie nebenan in der Küche lachen. Sie rauchen und schnattern. Ich schüttele den Kopf. Das ist alles so verrückt… Die Tür öffnet sich. Schnelle Schritte nähern sich mir. Noch ein letztes Mal schließen sich Lippen um mich. Tief und intensiv, nur für Sekunden. Ein verschmitztes Lächeln. „Mach’s gut!“ Wenig später hallen ihre Schritte durchs Treppenhaus. Blicke treffen mich. Ich wende den Kopf. Die Gastgeberin lehnt im Türrahmen. Groß, schlank, dunkelhaarig. Sie ist schön. „Hab ich dir zuviel versprochen?“ fragt sie leise. Nein. Es war mehr. Viel mehr.

Wir sind befreundet bis heute.

Do I have it in me?

von Roald Ristvedt


Ich sitze allein in meiner Wohnung und mir laufen die Tränen über das Gesicht. Immer wieder. Dabei bin ich nicht traurig. Ich bin berührt, emotional, aufgewühlt. Ich fühle mich wieder wie ein Kind, ich bin wieder jung. Ich denke an längst vergangene Tage, an Erlebnisse die Jahrzehnte zurückliegen. Als man unbeschwerter war als heute. Menschen noch lebten, die mir wichtig waren. Das große Glück noch nicht zerbrochen war. Ich lächle und ich weine. Und es ist mir egal. Schuld daran sind zwei Damen und zwei Herren aus dem Norden Europas, jeder jenseits der 70. Heute haben ABBA nach 39 (!) Jahren Pause erstmals zwei neue Songs veröffentlicht. Ein Album und eine technisch revolutionäre Konzertreihe angekündigt. Und ich höre diese zwei Lieder, die klingen, als wären sie nie weg gewesen. Als wäre in der Zeit dazwischen nicht so viel passiert. Tschernobyl, der Fall der Mauer, 9/11. Die Geburt meiner Kinder, der Tod meiner Großeltern. So viele Gedanken rasen mir durch den Kopf, während ich immer und immer wieder „I still have faith in you“ und „Don’t shut me down“ höre. Und ich finde mich in den Zeilen wieder. Und es wühlt so viele Dinge auf. Nur Musik ist dazu in der Lage. Und ich bin dankbar dafür. Thank you for the music. Das gilt ewig.

Schein oder Sein

von Roald Ristvedt

Wie oft glauben wir eine Situation mit einem, dem ersten Blick zu erfassen. Wie oft bilden wir uns ein, uns nach wenigen Momenten, wenigen Worten ein Urteil bilden zu können. Ob wir eine Herausforderung meistern werden, ob uns ein Mensch mag oder nicht, ob wir das bekommen, was wir uns ersehnen. Und wie oft liegen wir mit dieser Betrachtung des Scheins einfach falsch. Weil wir nicht hinter die Fassade geblickt haben. Die nicht selten doch nur dem eigenen Schutz dient. Eine Mauer, um Schmerz und Enttäuschung möglichst von uns fernzuhalten. Undurchdringlich erscheinende Türen, die man aber doch zu öffnen in der Lage sein kann. Wenn man es will. Wenn man Geduld hat. Und vielleicht auch ein gehöriges Maß Glück. Gehen wir auf Forschungsexpedition. Entdecken wir das Tatsächliche. Das Sein. Das, was sich hinter all diesen Hindernissen verbirgt. Es lohnt sich.

Rastlos

Searching for a destiny that’s mine
There’s another place, another time
Touching many hearts along the way, yeah
Hoping that I’ll never have to say

It’s just an illusion

Imagination – Just an Illusion

written by Steve Jolley, Tony Swain, Ashley Ingram, Leee John

R&B RBS, 1982

… deine Augen sind wie ein Wort …*

von Roald Ristvedt


Was erregt unser Interesse für andere Menschen? Auf welche Sinnesreize reagieren wir am stärksten? Was ist es, was eine Frau oder einen Mann interessant, anziehend, aufregend erscheinen Lässt? Seine Stimme? Ihr Duft? Breite Schultern? Ein runder Po? Jeder definiert seine Vorlieben anders. Bei mir sind es weibliche Augen. Damit fängt man mich ein. Der richtige Blick kann bei mir tiefe Gefühle und wildes Verlangen auslösen. Vertrauen, Beschützerinstinkte oder pure Gier wecken. Sag nichts. Richte einfach deine Augen auf mich. Ich werde es zu deuten wissen. „Es ist etwas in den Augen eines Menschen, was der geübteste Schurke nicht in seiner Gewalt hat. Dieses Etwas verrät ihn“ schreibt Ludwig Börne. Nach diesem Etwas suche ich. Immer. Schau mich an.

* Heinrich Lautensack (1881 – 1919)

Was uns leben lässt

von Roald Ristvedt



„Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!“ Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren! So steht es für alle Sünder sichtbar über dem infernalischen Höllentor in Dantes La divina commedia. Und sicher, irgendwann befindet sich wohl jeder einmal an einem Punkt, wo alle Zukunftsaussichten so düster und hoffnungslos aussehen, dass man sich buchstäblich in einem Abgrund von Schmerz und Qual wähnt. Ich weiß, wovon ich spreche. Und doch muss es weitergehen. Weder hilft ein Stehenbleiben und zumeist ist uns der Rückweg verbaut. Also hinein ins Dunkle, ins Ungewisse. Wo man sich an den Wänden entlangtastet, neue Pfade sucht, gelegentlich stolpert und fällt. Aufstehen, immer wieder aufstehen! Und irgendwann ist es da. Das Licht in der Dunkelheit. Die zur Hilfe ausgestreckte Hand. Der Gefährte, mit dem man den rettenden Ausgang sucht. Dies ist der Moment, auf denen sich alle Hoffnungen setzen. Verlieren wir diese niemals, auch wenn sie sich selten sofort zeigt. Wenn man noch glaubt, keine andere Lösung als nur die eine zu wissen. „Man darf das Schiff nicht an einen einzigen Anker und das Leben nicht an eine einzige Hoffnung binden“ heißt es bei Epiktet. Oder wie Schiller seinen Ferdinand in Kabale und Liebe sagen lässt: „Nur ein verzweifelter Spieler setzt alles auf einen einzigen Wurf“.

Mein Spiel ist noch nicht zu Ende.