Erinnerung (II) – Als die Freundschaft starb

von Roald Ristvedt

 

Years ago…

Ich weiß nicht mehr, wie ich sie kennengelernt habe. Wurden wir einander vorgestellt? Liefen wir uns zufällig über den Weg? Ich habe es vergessen. Aber es war Sympathie auf den ersten Blick. Verständnis ohne viele Worte. Gemeinsames Lachen, abendfüllende Gespräche, jederzeit ein offenes Ohr. Regelmäßige Begegnungen, ohne sich zu verabreden. Sich an der Hand auf die Tanzfläche ziehen und sich am Ende der Party voneinander zu verabschieden, ohne nach einem Wiedersehen zu fragen. Ich bin da, wenn du mich brauchst. Und ich weiß, dass du es auch für mich bist. Monat für Monat.

Eine Nacht verändert alles. Nie war etwas Körperliches zwischen uns. Nie. Obwohl sie die aufregendsten Augen hat, die ich kenne. Aber niemand von uns hat bisher diesen einen Schritt zu viel gemacht. Und nun sind wir beide gemeinsam über die Klippe in den Abgrund gesprungen. Hier, auf dem Rücksitz eines Autos. Es ist eng, unbequem, völlig unromantisch. Ohne wirkliche Leidenschaft, ohne wirkliche Lust. Einfach so. Und wir schämen uns danach vor uns selbst.

Als wir uns nach Tagen wiedersehen, steht etwas Unsichtbares zwischen uns. Fragen. Sind wir nun zusammen? Sind wir es nicht? Ich überspiele das Toben in mir mit betonter Unbeeindrucktheit. Und zerstöre damit alles. Ich kann dem Zerreißen dieses magischen Bandes zwischen uns förmlich zusehen. Es schmerzt in mir, aber statt die richtigen Worte zu sagen, schweige ich. Wir gehen auseinander, ohne Klarheit geschaffen zu haben. Stumm, wo vorher nichts unausgesprochen blieb.

Nur ein einziges Mal sehe ich sie danach noch wieder. Zufällig, in einem Supermarkt. Jahre sind seit jener verhängnisvollen Nacht vergangen. Der Blick, der mich aus ihren immer noch wunderschönen Augen trifft, ist eiskalt und voller Verachtung. Er trifft mich zutiefst. Mein zum Gruß geöffneter Mund schließt sich und meine gehobene Hand sinkt wieder herab. Ich sehe ihr hinterher, bis sie in der Tür verschwindet. Es ist aus. Für immer.

Years ago…

Silence

Now she lays by my side
and the sirens are quiet
In heaven they played our last song for tonight

And One – Love Needs A Saving Hand

written by Steve Naghavi

Deutschmaschine Schallplatten, 2014

Todesspuren (Teil Zwei)

von Roald Ristvedt

 

Dort, wo wir gehen, stehen, leben und lieben wird und wurde gestorben. Zu allen Zeiten. Wir ahnen das meistens nur, wissen es aber nicht. Mir ist in den letzten Jahren aber mehr als nur einmal vor Augen geführt worden, dass sich an Stellen, die ich besuchte, tragische Todesfälle abgespielt hatten oder – auch das kam mehr als einmal vor – erst nach meiner Anwesenheit passierten. An einige dieser Orte möchte ich in loser Folge erinnern.

Sri Dalada Maligawa, Kandy, Sri Lanka. Besucht 2004.

Dieses buddhistische Heiligtum mit dem dort verehrten angeblichen Eckzahn Buddhas ist ein sehr eindrücklicher Ort – selbst wenn man wie ich areligiös ist und nicht an Übersinnliches jeglicher Art glaubt. Und dennoch: Ich habe diesen Platz mit einem ganz besonderen Gefühl wieder verlassen.

Nur sechs Jahre zuvor herrschte hier der Tod. Bei einem Selbstmordan-
schlag tamilischer  Separatisten am 25. Januar 1998 wurden 17 Menschen getötet und 25 verletzt. Hass, Schmerz und Blut an einem Ort des Friedens.

Geboren um zu sterben, kann der Mensch so wenig den Schmerzen, als dem Tode entgehen. (Voltaire)

Erinnerung (I) – Der Schmerz

von Roald Ristvedt

 

Years ago…

Dunkel ist das Zimmer in dieser Spätsommernacht. Auf dem Rücken liegend suche ich sie. Sie, die sich in eine Ecke des Raums zurückgezogen hat, in der ich sie nicht sehen kann. Meine nackte Brust hebt und senkt sich ruhig, hier in ihrem Bett. Schritte nähern sich. Eine Flamme springt aus der Schwärze empor. Das flackernde Feuerzeug beleuchtet ihr Gesicht, das ich seit wenigen Wochen liebe. Sie hebt einen Gegenstand in die Höhe. Drei Kerzen, in einem Leuchter vereint. Sie entzündet die erste Kerze, eine zweite. Als der letzte Docht entflammt, fällt ein heller Schein auf sie. Mein Atem stockt. Sie ist nackt, nur eine schwere silberne Kette um ihre Hüften geschlungen. Sie ist…schön…

Sie tritt auf das Bett zu. Ich will nach ihr greifen, voll des Verlangens, schon längst sichtbar erregt. Aber sie hebt die Hand zur Abwehr. Verwirrt sinke ich in das Kissen zurück. Sie setzt sich auf die Bettkante, unablässig in meine Augen blickend. Nichts kann ich in ihrer Miene lesen. Gar nichts. So vergehen Sekunden, die wie Minuten scheinen.

Ihre Handbewegung kommt blitzschnell, ohne ein Wort der Warnung. Wie eine Peitsche schlägt sie den Leuchter in ihrer Hand nach unten. Heißes Wachs spritzt über meine nackte Haut. Ich möchte schreien. Vor Schmerz, vor Überraschung, vor Wut. Doch sie schließt mir den offenen Mund mit einem Kuss. Streichelt meine brennende Brust. Sie stellt den Leuchter auf den Boden und gleitet auf mich. Lässt mich in sie eindringen. Liebt mich mit aller Kraft. Wir explodieren gemeinsam.

Years ago…

Gipfelbuch: Musikalbum

von Roald Ristvedt

 

Frühjahr 1993. Das neue Depeche Mode-Album „Songs of Faith and Devotion“ ist erschienen. Lange erwartet, aufgrund der verstörenden Vorabsingle „I Feel You“ mit einem furchtbar abgemagerten, bärtigen und langhaarigen Dave Gahan mit etwas Furcht in den heimischen CD-Player geschoben. Und dann das. Anders. Ganz anders. Eine Erweckung. Eine Reise in mich selbst. Tiefe Ruhe und aufwühlende Gedanken auf einmal. Gleich noch einmal. Und noch einmal. Lieder über Liebe, Tod, Religion, Hingabe und Sex. Und sie treffen auf einen Menschen, der nicht an Gott glaubt und allem Übersinnlichen ablehnend gegenübersteht. Und trotzdem gefesselt ist, nicht fassen kann, was er da eben hört. Dieser Moment ist jetzt über 25 Jahre her. Aber immer noch so präsent und erinnerlich wie damals. Und immer noch ist es dieses Album, das mich berührt wie kein zweites. Wahrscheinlich für alle Ewigkeit meine Nummer Eins. Auf dem höchsten Punkt der Welt. Eintrag ins Gipfelbuch.

Im wilden Frieden

von Roald Ristvedt

 

Der Krieg fiel aus. Es gab nicht einmal eine Schlacht. Allenfalls ein kurzes Geplänkel unter Bäumen. Ohne scharfe Waffen, inmitten von Kälte. Es floss etwas, aber es war kein Blut. Ich näherte mich von hinten. Ein Überraschungsangriff. Das Metall, das ich mit meinen Fingern ertastete, war kein Teil einer Rüstung. Und doch umkreisten sich zwei Ritter. Lauernd, um dann doch aufeinanderzuprallen. Doch ehe es zur Entscheidung kommen konnte, war es bereits vorbei. Waffenstillstand. Wilder Frieden.

Im Schutzbunker

von Roald Ristvedt

 

Schwarz und weiß. Himmel und Hölle. Erregende Erwartung und tiefes Misstrauen. Und das innerhalb von nur wenigen Stunden. Rückzug. Verkriechen im sicheren Raum. Warten, abwägen, nachdenken. Ist mir eine Falle gestellt worden? Habe ich sie noch rechtzeitig erkannt, kurz bevor sie zuschnappte? Immer wieder Blicke auf das Telefon. Nein…da ist nichts. Nicht heute. Ich werde die Nacht hier verbringen. Sicher und warm. Gut bewacht von kleinen Gestalten. Jede einzelne ein machtvoller Krieger, bar jeder Waffe. Morgen werde ich die weiße Flagge hissen. Oder zum Gegenangriff übergehen. Tod oder Sieg in Winters Kälte. Ich werde mich zu schützen wissen. Kein heimlich heranziehendes Heer wird mir in den Rücken fallen. Nur die Versuchung zu weit vorzustoßen birgt Gefahr. Gib mir Weisheit. Ich werde sie brauchen.