Knockdown

von Roald Ristvedt

Wenn das Leben einem Kampfkunstfilm gleicht, in dem man lernt, übt, kämpft, siegt oder verliert – dann gleichen diese Tage einem Trainingsraum mit in verschiedene Richtungen schwingenden Sandsäcken. Durchquere ihn, komm heil auf der anderen Seite an, aber lass dich nicht treffen. Vorsichtig tastet man sich vorwärts, weicht aus, springt beiseite. Bis der dumpfe Schlag in den Rücken kommt. Alles dreht sich. Ich falle. Und alle Säcke lösen sich…

Wind of Change

von Roald Ristvedt

Omnia mutantur, nihil interit. Alle Dinge verändern sich, es gibt nichts in der ganzen Welt, das Bestand hat. Ovid, meine antike Dichterseele. Nicht nur die Dinge sind es. Auch wir. Unsere Gedanken, unsere Gefühle. Und unsere Gesichter. Meine letzten Tage haben mir das wieder verdeutlicht. Die Sandkastenliebe, später das schönste Mädchen der Schule. Immer unerreichbar, nie mehr als im Stillen angebetetes Ideal. Das letzte Wiedersehen mehr als zwei Jahrzehnte her. Lachen, erzählen, „Weißt du noch…?“ Und sie immer noch so schön. Jetzt ein Foto. Ich sehe eine Frau mittleren Alters. Sie trägt dessen Spuren wie ich selbst. Und doch ist alles anders. Sie hat sich verwandelt. Alles an ihr ist unscheinbar. Ich würde auf der Straße an ihr vorbeigehen, ohne sie zu erkennen. Und es beschämt mich ein wenig.

Ohne Schwarz kein Weiß, ohne Nacht kein Tag, ohne Yin kein Yang. Nur kurz darauf wird mir ein weiteres Foto zugespielt. Die darauf abgebildete Person darauf habe ich vor knapp drei Jahrzehnten auf dem Arm gehabt. Ein Baby. Klein, rund, liebenswert. Der Inbegriff des Beschützenswerten. Aber was ich nun sehe ist…atemberaubend. Omnia mutantur, nihil interit.

Erinnerung (X) – 1 + 1 +1

von Roald Ristvedt



Draußen ist Schnee gefallen. Die Bäume auf den Berghängen tragen eine weiße Krone. Februarfrost. Und doch ist mir warm. Ich sehe sie vor mir den Raum verlassen. Nackt. Kichernd. Hand in Hand. Ich sinke in die Kissen zurück und starre zur Decke. Ich lächle schief. Was war das? Ein Traum? Nein. Dazu fühlte es sich zu real an. Zu intensiv. Hände, Lippen, Augen, die sich einander hingegeben haben. One world is not enough. Erst als zwei Köpfe erschöpft auf meiner Brust liegen, begreife ich in etwa, was hier geschieht. Wie es mich wahnsinnig gemacht hat, als sie sich küssten, mich dabei stets im Blick behaltend. Dieses aufreizende Spiel mit den Fantasien eines Mannes. Diese sich einander hingebenden Körper, die mich fast zur Raserei treiben. Bis sie mich zu sich bitten. Und der Wahnsinn erst recht beginnt.

Ich habe es mir mittlerweile im Wohnzimmer bequem gemacht. Höre sie nebenan in der Küche lachen. Sie rauchen und schnattern. Ich schüttele den Kopf. Das ist alles so verrückt… Die Tür öffnet sich. Schnelle Schritte nähern sich mir. Noch ein letztes Mal schließen sich Lippen um mich. Tief und intensiv, nur für Sekunden. Ein verschmitztes Lächeln. „Mach’s gut!“ Wenig später hallen ihre Schritte durchs Treppenhaus. Blicke treffen mich. Ich wende den Kopf. Die Gastgeberin lehnt im Türrahmen. Groß, schlank, dunkelhaarig. Sie ist schön. „Hab ich dir zuviel versprochen?“ fragt sie leise. Nein. Es war mehr. Viel mehr.

Wir sind befreundet bis heute.

Do I have it in me?

von Roald Ristvedt


Ich sitze allein in meiner Wohnung und mir laufen die Tränen über das Gesicht. Immer wieder. Dabei bin ich nicht traurig. Ich bin berührt, emotional, aufgewühlt. Ich fühle mich wieder wie ein Kind, ich bin wieder jung. Ich denke an längst vergangene Tage, an Erlebnisse die Jahrzehnte zurückliegen. Als man unbeschwerter war als heute. Menschen noch lebten, die mir wichtig waren. Das große Glück noch nicht zerbrochen war. Ich lächle und ich weine. Und es ist mir egal. Schuld daran sind zwei Damen und zwei Herren aus dem Norden Europas, jeder jenseits der 70. Heute haben ABBA nach 39 (!) Jahren Pause erstmals zwei neue Songs veröffentlicht. Ein Album und eine technisch revolutionäre Konzertreihe angekündigt. Und ich höre diese zwei Lieder, die klingen, als wären sie nie weg gewesen. Als wäre in der Zeit dazwischen nicht so viel passiert. Tschernobyl, der Fall der Mauer, 9/11. Die Geburt meiner Kinder, der Tod meiner Großeltern. So viele Gedanken rasen mir durch den Kopf, während ich immer und immer wieder „I still have faith in you“ und „Don’t shut me down“ höre. Und ich finde mich in den Zeilen wieder. Und es wühlt so viele Dinge auf. Nur Musik ist dazu in der Lage. Und ich bin dankbar dafür. Thank you for the music. Das gilt ewig.

Schein oder Sein

von Roald Ristvedt

Wie oft glauben wir eine Situation mit einem, dem ersten Blick zu erfassen. Wie oft bilden wir uns ein, uns nach wenigen Momenten, wenigen Worten ein Urteil bilden zu können. Ob wir eine Herausforderung meistern werden, ob uns ein Mensch mag oder nicht, ob wir das bekommen, was wir uns ersehnen. Und wie oft liegen wir mit dieser Betrachtung des Scheins einfach falsch. Weil wir nicht hinter die Fassade geblickt haben. Die nicht selten doch nur dem eigenen Schutz dient. Eine Mauer, um Schmerz und Enttäuschung möglichst von uns fernzuhalten. Undurchdringlich erscheinende Türen, die man aber doch zu öffnen in der Lage sein kann. Wenn man es will. Wenn man Geduld hat. Und vielleicht auch ein gehöriges Maß Glück. Gehen wir auf Forschungsexpedition. Entdecken wir das Tatsächliche. Das Sein. Das, was sich hinter all diesen Hindernissen verbirgt. Es lohnt sich.

Rastlos

Searching for a destiny that’s mine
There’s another place, another time
Touching many hearts along the way, yeah
Hoping that I’ll never have to say

It’s just an illusion

Imagination – Just an Illusion

written by Steve Jolley, Tony Swain, Ashley Ingram, Leee John

R&B RBS, 1982

… deine Augen sind wie ein Wort …*

von Roald Ristvedt


Was erregt unser Interesse für andere Menschen? Auf welche Sinnesreize reagieren wir am stärksten? Was ist es, was eine Frau oder einen Mann interessant, anziehend, aufregend erscheinen Lässt? Seine Stimme? Ihr Duft? Breite Schultern? Ein runder Po? Jeder definiert seine Vorlieben anders. Bei mir sind es weibliche Augen. Damit fängt man mich ein. Der richtige Blick kann bei mir tiefe Gefühle und wildes Verlangen auslösen. Vertrauen, Beschützerinstinkte oder pure Gier wecken. Sag nichts. Richte einfach deine Augen auf mich. Ich werde es zu deuten wissen. „Es ist etwas in den Augen eines Menschen, was der geübteste Schurke nicht in seiner Gewalt hat. Dieses Etwas verrät ihn“ schreibt Ludwig Börne. Nach diesem Etwas suche ich. Immer. Schau mich an.

* Heinrich Lautensack (1881 – 1919)

Was uns leben lässt

von Roald Ristvedt



„Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!“ Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren! So steht es für alle Sünder sichtbar über dem infernalischen Höllentor in Dantes La divina commedia. Und sicher, irgendwann befindet sich wohl jeder einmal an einem Punkt, wo alle Zukunftsaussichten so düster und hoffnungslos aussehen, dass man sich buchstäblich in einem Abgrund von Schmerz und Qual wähnt. Ich weiß, wovon ich spreche. Und doch muss es weitergehen. Weder hilft ein Stehenbleiben und zumeist ist uns der Rückweg verbaut. Also hinein ins Dunkle, ins Ungewisse. Wo man sich an den Wänden entlangtastet, neue Pfade sucht, gelegentlich stolpert und fällt. Aufstehen, immer wieder aufstehen! Und irgendwann ist es da. Das Licht in der Dunkelheit. Die zur Hilfe ausgestreckte Hand. Der Gefährte, mit dem man den rettenden Ausgang sucht. Dies ist der Moment, auf denen sich alle Hoffnungen setzen. Verlieren wir diese niemals, auch wenn sie sich selten sofort zeigt. Wenn man noch glaubt, keine andere Lösung als nur die eine zu wissen. „Man darf das Schiff nicht an einen einzigen Anker und das Leben nicht an eine einzige Hoffnung binden“ heißt es bei Epiktet. Oder wie Schiller seinen Ferdinand in Kabale und Liebe sagen lässt: „Nur ein verzweifelter Spieler setzt alles auf einen einzigen Wurf“.

Mein Spiel ist noch nicht zu Ende.

Against all odds

von Roald Ristvedt



Selbst das freieste und selbstbestimmteste Leben unterliegt Konventionen. Gesellschaftlichen Regeln, die zum Teil jahrhundertealt sind. Vieles ist in den letzten Jahren anders geworden. Liberaler. Akzeptierter. Dennoch – nicht wenige Lebensentscheidungen erfordern immer noch Mut. Mut, dem eigenen Weg zu folgen. Kraft, im Sturm der Kritik zu stehen. Und Beharrungsvermögen, allen Widerständen zu trotzen. Weil man an etwas glaubt. An sich oder an andere. Oder an die Liebe. Ganz besonders an die Liebe. Ist sie es nicht, die uns über uns hinauswachsen lässt? Mit deren Hilfe wir über gähnende Abgründe springen oder die reißenden Flüsse der Ablehnung überwinden? Solange wir jemanden fest an unserer Seite wissen, sind wir unverwundbar. Egal, was andere sagen. Du bist hier bei mir. Und nur das zählt.

Es brennt…

von Roald Ristvedt



Feuer wärmt, Feuer vernichtet. Es fasziniert uns und doch drohen wir zu verbrennen, wenn wir ihm zu nahe kommen. Viele von uns tragen Brandnarben auf der Haut. Und so haben wir Angst vor dem Feuer. Scheuen uns, sich ihm wieder zu nähern. Betrachten es nur aus der Ferne, ohne den Blick davon wenden zu können. Denn wir haben Sehnsucht nach seiner Wärme, fühlen uns wohl im Schein der knisternden Flammen. Und wollen uns nicht wieder in seiner Hitze verlieren. Neue Narben eingebrannt bekommen oder ganz und für immer verglühen.

Wir können ihm erst wieder näher kommen, wenn uns jemand zur Seite steht. Der uns ganz vorsichtig bei der Hand nimmt und uns über unseren anfänglichen Widerstand hinweg mit sich zieht. Ganz langsam. Hin zum Feuer. Bis wir wieder seine Wärme und den Glanz seiner Flammen spüren. Ohne Angst. Ohne Gefahr. Hand in Hand. Sicher vor neuen Wunden. Suchen wir diesen Gefährten. Er ist irgendwo da draußen.